4.2.1 China und Europa
Quellen:
[B2] Big Five unter Beschuss, Bild der Wissenschaft, 20.8.2013, www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/big-five-unter-beschuss;
[GK] Georg Kossack, Dörfer im nördlichen Germanien vornehmlich zur römischen Kaiserzeit, Verlag der bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1997;
[MG] Marcel Granet, Das chinesische Denken, Suhrkamp-Verlag 1993, ISBN 3-518-28119-4;
Wikipedia 2024: „Chinesische Malerei“, „Synthese“, „Analyse“, „Induktion (Philosophie)“, „Deduktion“, „Atom“, „Nyaya“, „Vaisheshika“, „Yin und Yang“, „Dao“, „Chinesische Philosophie“, “, „Konfuzianismus“, „Geschichte Chinas“, „Chinesische Schrift“, „Sumer“, „Geschichte Ägyptens“, „Geschichte Deutschlands“, „Vorgeschichte Großbritanniens“, „Geschichte Norwegens vor Harald Harfagre“, „Geschichte Schwedens“, „Stammesgeschichte des Menschen“, „Germanen“, „Römisch-Germanische Kriege“, „Gallien“, „Älteste Städte Deutschlands“, „Liste der ältesten Universitäten“, „Geschichte der Naturwissenschaften“.
Auch in China werden andere Persönlichkeitsmerkmale als wichtig erachtet als in Europa. Das „CPAI-2“ (Chinese Personality Assessment Inventory) sieht statt der “Big Five“ die 4 Merkmale “soziale Wirksamkeit”, „Zuverlässigkeit“, „Anpassungsfähigkeit“ und „zwischenmenschliche Verbundenheit“ als maßgeblich für die Beschreibung von Persönlichkeiten an. Das Big-Five-Merkmal „Offenheit für Neues“ gilt dagegen als untergeordnet [B2]. Dies ist nun sehr interessant, da das Persönlichkeitsmerkmal „Offenheit für Neues“ auf der Skala von „konservativ/vorsichtig“ hin zu „erfinderisch/neugierig“ als eine wesentliche Wurzel für den europäischen Entdecker- und Erfindergeist gelten kann, der im Verbund mit der hohen Intelligenz die Welt so stark verändert hat. Der Aspekt „erfinderisch/neugierig“ erscheint z.B. in der historischen chinesischen Malerei weniger ausgeprägt als in der europäischen Malerei, wenngleich auch in China über die Jahrhunderte verschiedene Stile vorgeherrscht haben. Diese haben aber jeweils Schulen begründet, in denen über lange Zeit mehr oder weniger kopiert wurde (Kap. 3.2.2). Ebenso erscheint die chinesische Literatur in Form und Inhalt weniger „erfinderisch/neugierig“ als die europäische. Die chinesischen Denker „beschränken sich ganz und gar auf einen Bestand überlieferter symbolischer Bilder, der sich viel besser zum Beeinflussen des Handelns als zum Ausdrücken von Begriffen, Theorien und Dogmen eignet“ [MG]. „Neuerungen im Ausdruck, ungewöhnliche Wortverbindungen und originelle Metaphern sind für sie (die Literaten) von minderem Interesse. Unablässig kehren die gleichen Bilder wieder“ [MG]. Es sind „die subtilsten Gedanken ganz entschieden in jenen Dichtungen des Shih-ching (Buch der Lieder) enthalten, welche die meisten sprichwörtlichen Wendungen aufweisen. Dieselbe Regel gilt für die Werke aller Zeiten und aller Genres“ [MG]. „Selbst die originellsten Autoren schöpfen aus dem Bestand der stereotypen Anekdoten“ [MG].
Weitere geistige Unterschiede zwischen Chinesen und Europäern finden sich, wenn man historisch die jeweilige Weltsicht und die Methoden der Erkenntnisgewinnung betrachtet. Folgt man Marcel Granet [MG], so wird das chinesische Denken in seiner Geschichte bis in das 20. Jahrhundert vorwiegend durch Synthese und Induktion bestimmt, während für das europäische Denken frühzeitig, schon beginnend in der griechischen Antike, zusätzlich Analyse und Deduktion entscheidende Verfahren der Erkenntnisgewinnung sind.
Erkenntnisgewinnung durch Induktion ist nach dem schottischen Philosophen, Ökonom und Historiker David Hume (+1711 †1776) „eine Eigenschaft der menschlichen Natur“, nämlich die Eigenschaft, aus Erfahrungen zu lernen, was auch bedeutet Erfahrungen zu verallgemeinern. Insofern ist Induktion ein Kennzeichen aller menschlichen Gesellschaften. Wenn in einer bestimmten Situation vielleicht mehrfach eine Erfahrung gemacht wurde, geht man davon aus, dass man zukünftig in der gleichen Situation die gleiche Erfahrung machen wird. Man kann hinzufügen: dies ist auch im Reich der Tiere weit verbreitet. In der Philosophie ist es umstritten, ob Induktion ein zulässiges wissenschaftliches Verfahren ist, das zu zwingenden Schlüssen führt. Tatsächlich beruhen aber die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf Induktion, insbesondere in den Experimentalwissenschaften. Bei jedem physikalischen Experiment, das unter gleichen Bedingungen stets und oft zum gleichen Ergebnis geführt hat, geht man davon aus, dass dies auch in Zukunft immer zum gleichen Ergebnis führen wird. Z.B. stellt man fest, dass für einen bestimmten metallischen elektrischen Leiter der Quotient aus einer beliebigen angelegten Spannung und der dadurch erzeugten Stromstärke stets den gleichen Wert hat, solange keine merkliche Erwärmung eintritt. Aus der Tatsache, dass dies immer so war, schließt man, dass dies auch in Zukunft immer so sein wird, und man bezeichnet diese Erkenntnis als physikalisches Gesetz – in diesem Fall heißt es Ohmsches Gesetz. Die Verallgemeinerung geht sogar so weit, dass man von der Gültigkeit des Ohmschen Gesetzes auf der Erde auch auf die Gültigkeit im Universum schließt, weil auch die Gültigkeit einer Fülle von sonstigen irdischen physikalischen Gegebenheiten im Weltraum überprüft wurde. Solcherart induktiv gewonnene Erkenntnisse stehen immer unter dem Vorbehalt, ob die zu Grunde gelegte Situation tatsächlich genau gleich ist oder aber vielleicht unbemerkt irgendwo Abweichungen vorliegen. Auch statistisch arbeitende Wissenschaften wie die Psychologie, Soziologie oder Politologie arbeiten induktiv. Wenn z.B. Prognosen zum Wahlverhalten gemacht werden, wählt man aus einer großen Gruppe von Wählern zufällig eine kleinere, für eine Befragung zu bewältigende Gruppe aus, deren Wahlverhalten man ermittelt. Durch Verallgemeinerung geht man dann davon aus, dass die große Gruppe das gleiche Wahlverhalten zeigen wird. Man hat dabei keine absolute Sicherheit, aber die Mathematik kann aus den beteiligten Anzahlen Schwankungsbereiche berechnen oder bei der statistischen Überprüfung konkreter Aussagen Irrtumswahrscheinlichkeiten. In Alltagssituationen neigt der einzelne Mensch dazu, schon aus wenigen Erfahrungen weitreichende Schlüsse zu ziehen, was dann mit einer hohen Irrtumswahrscheinlichkeit behaftet ist.
„Als Synthese wird allgemein die Vereinigung von zwei oder mehr Bestandteilen, Elementen oder Merkmalen zu einer neuen, übergeordneten Einheit verstanden“. Nach der Erkenntnistheorie von Immanuel Kant ist eine durch Synthese gewonnene Erkenntnis „die Vereinigung des in der Wahrnehmung gegebenen Mannigfaltigen“. In einfachen Kulturen, in den frühen Hochkulturen und in China bis in das 20. Jahrhundert nimmt die Synthese Phänomene der Welt wie sie sind und verbindet sie miteinander zur Erklärung anderer Phänomene oder zur Erschaffung übergeordneter Begriffe. Die Bedeutung der Synthese in China zeigt sich schon in der Schrift: einzelne Schriftzeichen können für sich allein bereits eine Bedeutung tragen (im Gegensatz zu den Buchstaben des lateinischen Alphabets). Diese Bedeutung kann ein ganzer Begriff sein, wie z.B. „Tisch“, oder aber auch ein grammatisches Element wie im Deutschen ein angehängtes „e“ zur Mehrzahlbildung. Das Wort „Tische“ würde dann also aus der Synthese von 2 Zeichen bestehen, die jeweils für sich eine Bedeutung tragen. Meist entspricht chinesischen Schriftzeichen aber eine Silbe. Insgesamt kann also gesagt werden, dass die chinesische Schrift einen Text aus Zeichen für relativ große vorhandene Sprachelemente (Begriffe, grammatische Elemente, Silben) synthetisiert. Dies macht die Schrift höchst komplex – für die elementare Beherrschung der Schrift sind 3 bis 5 Tausend Zeichen, für eine komplette Beherrschung bis zu 100 Tausend Zeichen notwendig. Im Gegensatz dazu geht den europäischen Schriften eine Analyse der Sprache bis hinab zu den einzelnen elementarsten Lauten voraus. Jedem Elementarlaut (Vokal, Konsonant) wird dann jeweils ein Zeichen zugeordnet, und man kommt z.B. zur Bildung aller Worte der deutschen Sprache mit 26 Zeichen aus, mit denen sich jeder Text synthetisieren lässt. Die philosophische Weltsicht der Chinesen ist eine ganzheitliche, eine durch und durch synthetische. Das Wahrnehmen und Denken ist primär darauf ausgerichtet, die Welt durch die Erschaffung von allgemeinen Oberbegriffen zu erklären, denen jeweils eine Fülle von Erscheinungen zugeordnet wird, ohne dass dabei eine exakt fassbare Definition der Oberbegriffe gegeben wird. Exakte Festlegungen werden vermieden.
„Das älteste grundlegende Buch ist das I Ging: „Das Buch der Wandlungen“. Wandlungen sind für Chinesen der Ausgang für Denken und Handeln. Dagegen herrscht in der westlichen Philosophie seit dem Ende der Antike ein auf Wahrheit und Sicherheit fixiertes Denken und Handeln“. Das I Ging entstand um 1000 v.Chr. und wurde verbunden mit der sich entwickelnden Lehre von Yin und Yang. Das Schriftzeichen für Yin „setzt sich aus den Zeichen für „Hügel“ und „Schatten“ zusammen“, das Schriftzeichen für Yang „setzt sich aus den Zeichen für „Hügel“ und „Strahlen der Sonne“ zusammen“. Im Laufe der Zeit fand dann ein Bedeutungserweiterung der beiden Begriffe Yin und Yang statt. Yang steht nun für „weiß, hell, hoch, hart, heiß, positiv, aktiv, bewegt, männlich“, Yin für „schwarz, dunkel, weich, feucht, kalt, negativ, passiv, ruhig, weiblich“. Durch Synthese der aufgezählten Begriffe waren neue Begriff entstanden: Yin und Yang. Dabei kann man in dem Prinzip, nach welchem Begriffe zusammengefasst werden, Ähnlichkeiten zur europäischen mittelalterlichen Signaturenlehre erkennen (Kap. 3.12.1.2). Mit den Prinzipien Yin und Yang ist die Synthese aber noch nicht beendet. Sie werden nicht als Gegensätze aufgefasst, sondern als sich ergänzende Elemente, deren Synthese zum Tao (Dao, Daoismus, Kap. 3.1.4) führt, was das Prinzip und Wesen der Welt insgesamt darstellt, sich aber noch mehr einer exakten Definition entzieht. „Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao“ schreibt Laozi. Auch sind Yin und Yang in ihrem Einfluss nicht statisch, sondern schwanken zyklisch: mehr Yin bedingt weniger Yang und umgekehrt. Das Prinzip zyklischer Wandlungen ist eingebettet in das unveränderliche Tao und ein Grundzug chinesischer Weltsicht – im Gegensatz zur europäischen Auffassung von einer linear voranschreitenden Entwicklung. Dies steht im Einklang mit dem Verlauf der 3500-jährigen archäologisch dokumentierten chinesischen Geschichte bis in das 20. Jahrhundert, in der trotz aller Schwankungen wenig Voranschreiten erkennbar wurde.
Die Analyse beinhaltet die Erkenntnis, dass die Bausteine der Welt und des Denkens kleiner sind als die unmittelbar sichtbaren Phänomene. Es gilt daher, zunächst diese grundlegenden Bausteine und ihren Wirkzusammenhang durch eine zerlegende Analyse zu entdecken, ehe die großen Phänomene der Welt durch eine Synthese der Bausteine und ihrer gegenseitigen Funktionen erklärt werden können. So taucht z.B. der durch Analyse entstandene Begriff „Atom“ bereits im 5. Jahrhundert v.Chr. bei Leukipp und Demokrit im antiken Griechenland auf und bedeutet dort „das Unzerschneidbare“. Ab 200 v.Chr. gibt es den Begriff des Atoms in den indischen Philosophiesystemen „Nyaya“ und „Vaisheshika“. Hier wird auch ein Wirkungsmechanismus auf atomarer Ebene gesehen: „Alles Geschehen beruht auf Bewegung, auf Stoß und Gegenstoß, die von ewigen Naturkräften verursacht werden. Es ist die Bewegung, welche die Atome zusammenführt und die Dinge entstehen lässt. Und es ist wieder Bewegung, welche den Zusammenhalt der so vereinigten Atome sprengt und die Dinge vernichtet“. Damit nimmt diese indische Philosophie bereits Elemente der Brown´schen Molekularbewegung voraus, die grundlegend ist für Chemie und Thermodynamik (Kap. 3.8.1). Entsprechend der chinesischen Persönlichkeitseigenschaft, synthetisch und nicht analytisch zu denken, sucht man die Vorstellung von Atomen in der chinesischen Philosophie vergeblich. Wissenschaftlich fundiert wurde das Atom in der europäischen Chemie des 18. Jahrhunderts durch messende chemische Gewichtsanalysen entdeckt und untersucht (Kap. 3.9). Die Vorgänge auf der Ebene der Atome und ihrer Elektronenhülle wurden Grundlage der gesamten Chemie und der Biologie bis hin zum Verständnis des Lebens mit der Evolutionstheorie. Die gesamte klassische Physik beruht auf der mathematischen Analyse von Kräften, Feldern, Bewegungen, Energie und Massen einschließlich der Atombausteine Kern und Elektron. Die moderne Physik erkannte dann aber Phänomene, die sich aus diesen Analysen heraus nicht erklären ließen. So war die Analyse bezüglich der Bewegungen unvollständig gewesen, weil man nur Geschwindigkeiten aus dem Erfahrungsbereich der Menschen betrachtete. Bei Geschwindigkeiten von mehr als 10% der Lichtgeschwindigkeit wurden die Ergebnisse der klassischen Physik zunehmend ungenau und erst durch Einsteins Relativitätstheorie, deren Fundament die Einbeziehung der Lichtgeschwindigkeit und das Postulat von deren Konstanz ist, konnten Vorgänge im Makrokosmos zufriedenstellender erklärt werden (Kap. 3.8.2.1). Ebenso wurde die weitere Klärung von Vorgängen im Mikrokosmos erst möglich, als die technischen Voraussetzungen für eine weitere Analyse der Atomkerne und ihrer Bausteine gegeben waren, was zur Quantenphysik führte (Kap. 3.8.2.2). Diese sieht nach der Materie auch die Energie als aus kleinsten Teilen bestehend und es treten Erscheinungen auf, die grundlegende Prinzipien der bisherigen Weltsicht in Frage stellen. So muss man nun Teilchen die Möglichkeit zugestehen, an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig zu existieren und es wird diskutiert, ob zwischen zwei zusammenhängenden Ereignissen auf Teilchenebene immer Ursache und Wirkung feststellbar ist. Analysen bilden das Fundament für jeden Fortschritt in der Wissenschaft und für Erkenntnis allgemein. Sie bilden die Grundlage für die Lösung des Energieproblems der Menschheit, für die Antwort auf die Frage, ob der Mensch im Universum allein ist und ob er im Universum eine Zukunft hat.
Die Missachtung der Bedeutung der Analyse kann als Ursache für die Stagnation der chinesischen Kultur bis in das 20. Jahrhundert hinein gesehen werden. Marcel Granet sagt dazu außerdem „Offenbar ist die chinesische Sprache nicht zur Aufzeichnung von Begriffen, zur Analyse von Gedanken, zur logischen Darlegung von Lehren angelegt. Vielmehr ist sie ganz und gar zur Übermittlung gefühlsmäßiger Einstellungen, zum Suggerieren einer bestimmten Handlungsweise, zum Überzeugen und Bekehren geschaffen“ [MG] und er sieht die Grundgegebenheit „dass ausschließlich soziale Vorstellungen für das Bild von der physischen Welt maßgebend sind“ [MG]. „Die Chinesen haben den Menschen niemals außerhalb des gesellschaftlichen Zusammenhangs betrachtet; niemals auch zogen sie eine trennende Grenze zwischen der Gesellschaft und der Natur“ [MG].
Karl Marx hat das kapitalistische Wirtschaftssystem einer Analyse unterzogen. Wieweit diese Analyse zutreffend war, mag hier dahingestellt bleiben. Auf jeden Fall aber hat er vergessen, auch die darin agierenden Menschen auf ihre psychischen Merkmale hin zu analysieren und ihr Verhalten ein zu beziehen. Insofern konnte seine Theorie die Realität nicht angemessen beschreiben und führte dazu, dass in den marxistisch ausgerichteten Gesellschaften Zwang auf die Menschen ausgeübt wurde, um sie passend zur Theorie umzuformen. Dieses Umformen misslang wegen der Verkennung der genetischen Vorgaben bei den menschlichen Persönlichkeitsmerkmalen.
Eng mit der Analyse zusammenhängend ist das wissenschaftliche Verfahren der Deduktion. Hat man ein System gründlich analysiert und damit all seine Teile und alle Beziehungen zwischen den Teilen erkannt, so kann man in diesem System durch rein logisches Schließen wahre Aussagen bzw. gültige Vorhersagen machen – man hat diese Aussagen durch Deduktion gewonnen. Das System kann z.B. unser Planetensystem mit den Gesetzen der Newton'schen Mechanik sein (Kap. 3.8.1). In diesem System kann man dann mit Hilfe der Mathematik und ihrer Logik etwa Sonnen- und Mondfinsternisse oder Satellitenbahnen voraus berechnen. Alle Denkgebäude, die von Axiomen, d.h. von für wahr gehaltenen Aussagen, ausgehen und daraus logische Schlüsse ziehen, arbeiten deduktiv. Dazu gehören Mathematik, Wissenschaften und philosophische Theorien. Im Zusammenhang mit der Missachtung der Analyse in der chinesischen Kultur spielte dort auch die Deduktion keine große Rolle, auch wenn sie in der historischen chinesischen Mathematik aus heutiger Sicht in gewissem Ausmaß vielleicht fälschlicherweise unverzichtbar erscheinen mag. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Mathematik in ihren Anfängen nicht durch eine axiomatisch-logische Methode geprägt war, sondern aus konkreten Anwendungsproblemen heraus eher eine experimentelle Erfahrungswissenschaft war, also induktiv arbeitete. So war ja z.B. der Satz des Pythagoras zunächst ein Erfahrungssatz, der sich aus der praktischen Vermessung rechtwinkliger Dreiecke schon im Alten Babylon vor 4000 Jahren ergab (Kap. 3.7.1) und wo keineswegs die Notwendigkeit eines deduktiven Beweises gesehen wurde. Die axiomatisch-logisch-deduktive Methode in der Mathematik wurde erstmalig im antiken Griechenland propagiert (Kap. 3.7.2). Aus der Zeit davor und aus China ist derartiges nicht bekannt.
Interessant ist noch die Frage, warum die global auftretende europäische Kultur mit derartiger Verspätung die Weltbühne betrat, nämlich erst ab Beginn der Neuzeit um 1500 n.Chr. Dabei ist vor Allem die Rede von der Mittel-, West- und Nordeuropäischen Kultur, denn wie Kapitel 3 (Kap. 3.5.5, 3.6, 3.7.6, 3.8, 3.9, 3.10, 3.11, 3.12) gezeigt hat, sind es weit überwiegend deren Menschen, die diese Globalkultur erschaffen haben. Der große Unterschied zwischen Südeuropa einerseits und Mittel-, West- und Nordeuropa andrerseits zeigt sich auch aktuell noch im industriell-wirtschaftlichen Komplex, wenn man schaut, wo die bedeutenden technischen Produkte entwickelt werden, wie Fahrzeuge, Flugzeuge, Kraftwerke, Energie- und Kommunikationsnetze und Rüstungsgüter sowie deren zahlreiche Komponenten. Spanien und Portugal waren zunächst zwar führend bei der Entdeckung und Kolonisierung der Welt ab dem 15. Jahrhundert, wurden dann aber außer in Süd- und Mittelamerika schnell von den Engländern und Niederländern zurückgedrängt, die technisch-wissenschaftlich (Astronomie, Navigation, Kartographie) sowie organisatorisch (Handelsgesellschaften) effektiver waren.
Ägypten war im Nildelta seit 500 Tausend Jahren durchgehend von Menschen bewohnt, dabei seit mindestens 200 Tausend Jahren von Homo Sapiens. Vor 35000 Jahren wurde bereits unterirdischer Bergbau zur Gewinnung von Feuerstein betrieben, was auf gewisse Menschenkonzentrationen hinweist. Um 5000 v.Chr. entstehen erste Siedlungskomplexe. 3000 v.Chr. entsteht mit Memphis ein großes städtisches Regierungszentrum mit Schrift, Monumentalbauten, Kunst, Handwerk und Kupferverarbeitung.
Das Zweistromland aus Euphrat und Tigris wird seit 45000 Jahren von Homo Sapiens bewohnt, älteste Siedlungen der Sumerer datieren auf das 6. Jahrtausend v.Chr. Ab 3500 v.Chr. existiert mit Uruk eine Stadt mit Monumentalbauten und Schrift.
Auch China ist schon seit 500 Tausend Jahren von Menschen besiedelt, seit 40 Tausend Jahren von Homo Sapiens. Ackerbau und Schrift sind 7000 Jahre alt, Textilien 6000 Jahre und die Bronzeverarbeitung 4000 Jahre. Die erste nachgewiesene Kaiserdynastie der Shang existierte ab 1570 v.Chr. mit verschiedenen Regierungssitzen, die Palästen, Tempel und Königsgräber beinhalteten und Zentren einer bereits hoch entwickelten Kultur waren.
Mittel-, West- und Nordeuropa sind zwar auch schon vor 600 Tausend Jahren von frühen Menschenarten besiedelt worden, jedoch lagen dazwischen während der Eiszeiten lange Phasen ohne menschliche Besiedlung. Eine durchgehende Besiedlung durch Homo Sapiens gibt es in Mitteleuropa erst seit 13500 v.Chr., in Schweden seit 11000 v.Chr. in Großbritannien seit 10000 v.Chr, und in Norwegen seit 10000 v.Chr. Damit hat die spezifische Entwicklung des Kulturraumes der Mittel-, West- und Nordeuropäer mindestens 30000 Jahre später begonnen als die Entwicklung von Kulturen in den übrigen Teilen der Welt, auch wenn natürlich die vielen verschiedenen Einwanderer in dieses europäische Gebiet alle eine genetische und kulturelle Vorgeschichte mitbrachten. Es war dies ein harter Lebensraum, der zunächst aus einer nacheiszeitlichen Kältesteppe bestand und danach weitgehend von dichten Wäldern, Hochmooren und Sümpfen bedeckt war. Häufige Klimaschwankungen machten stationäre Landwirtschaft zu einem Risiko, so dass in Nordeuropa bis zur Zeit der Römer weitgehend eine halbnomadische Lebensweise vorherrschte, in der auch Jagd und Fischfang eine große Rolle spielten. Häuser wurden aus Holz gebaut, waren wenig dauerhaft und kleine Siedlungen wurden oft verlegt. Tacitus schreibt über die Germanen „Dass die Völkergemeinschaft der Germanen keine Städte bewohnen, ist hinreichend bekannt, ja dass sie nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie hausen einzeln und gesondert, gerade wie ein Quell, eine Fläche, ein Gehölz ihnen zusagt. Ihre Dörfer legen sie nicht in unserer Weise an, dass die Gebäude verbunden sind und aneinanderstoßen: jeder umgibt sein Haus mit freiem Raum“. Die Dörfer im nördlichen Teil Mitteleuropas waren klein und bestanden meist aus 10 bis 20, maximal 25 Höfen und wurden meist von etwa 200 Personen bewohnt. Die Familien waren das einzige bestimmende soziale Element, das soziale Miteinander im Dorf regelten die Familien untereinander [GK]. „Dauerhafte territoriale Verbände entstanden erst während der jüngeren römischen Kaiserzeit, vornehmlich im späten 3. und 4. Jahrhundert“ [GK]. Diesen Verbänden standen Häuptlinge vor. Städte wurden erstmalig von den Römern in den von ihnen besetzten Gebieten Galliens ab 100 v.Chr. und Germaniens ab 15 v.Chr. als Militärgarnisonen gegründet. Damit entstanden Städte als Voraussetzung für eine höhere kulturelle Entwicklung in Mitteleuropa erst 3500 Jahre nach denen im Mesopotamien, 3000 Jahre nach denen in Ägypten und 1600 Jahre nach denen in China. Die Völkerwanderungszeit mit dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches ließ die kulturelle Entwicklung in Mittel- und Westeuropa für einige Jahrhunderte stagnieren und zurückfallen. Erst mit Karl dem Großen und der Christianisierung ab 800 n.Chr., der Entstehung neuer staatlicher Einheiten und ab 1000 n.Chr. beginnend in Italien mit der Gründung immer zahlreicher werdender Universitäten begann der Aufstieg Europas. Dieser wurde entscheidend geprägt durch die Entwicklung der Naturwissenschaften ab dem 16. Jahrhundert und die industrielle Revolution ab 1800 durch die Wissenschaftler und Techniker der Mittel-, West- und Nordeuropäer und ihrer außereuropäischen Abkömmlinge. Die Geschwindigkeit mit der diese europäische Kultur sich entwickelt hat, das Ausmaß der bewirkten Veränderungen und die weltweite Adaption dieser Kultur sind in der Geschichte der Menschheit einzigartig.
Wenn man sich fragt, warum in China im Gegensatz zu Europa keine Demokratie entwickelt wurde und wird, kann man auf die historische Rolle der chinesischen Gesellschaftsphilosophien Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus verweisen (Kap. 3.1.4). Diese Gesellschaftsphilosophien sind eng verbunden mit dem chinesischen Persönlichkeitsmodell „CPAI-2“ mit den 4 Merkmalen “soziale Wirksamkeit”, „Zuverlässigkeit“, „Anpassungsfähigkeit“ und „zwischenmenschliche Verbundenheit“. Stellt man dem das europäische Modell „Big Five“ mit u.a. den Merkmalen „erfinderisch/neugierig“ und „wettbewerbsorientiert/widerstreitend“ gegenüber, so kann man aus dieser Gegenüberstellung naheliegende Gründe erkennen, warum für Europa Demokratie notwendig erscheinen mag, für China nicht. Die chinesischen Persönlichkeitsmerkmale sorgen unmittelbar für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Akzeptanz gesellschaftlicher Verhältnisse – unabhängig von einer Regierungsform. Noch weitergehend kann man vermuten, dass die notwendig mit einer Demokratie verbundenen innerstaatlichen Auseinandersetzungen der chinesischen Persönlichkeit fremd sind. Die beiden herausgestellten europäischen Persönlichkeitsmerkmale „erfinderisch/neugierig“ und „wettbewerbsorientiert/widerstreitend“ bewirken eher das Gegenteil von Zusammenhalt, sie implizieren die Tendenz, dass Individuen aus gesellschaftlichen und geistigen Normen ausbrechen und eigene Weg gehen wollen. Damit einher geht dann auch eine Abneigung gegen Zwang ausübende obrigkeitsstaatliche Verhältnisse. Die Demokratie mit ihren Mitwirkungsmöglichkeiten erscheint als einziger Ausweg, um mit den europäischen Persönlichkeitsmerkmalen eine auf Dauer funktionierende Staatsform zu praktizieren – wie dies auch die europäische Geschichte gezeigt hat.
Angesichts der gewaltigen Fortschritte die China heutzutage bei der Adaption der naturwissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Teile der europäischen Kultur gemacht hat, erhebt sich die Frage, wie dies angesichts der auch zum großen Teil genetisch bedingten chinesischen Persönlichkeitsstrukturen möglich war, die ja im Zusammenwirken und Einklang mit den Religionen und Gesellschaftsphilosophien Daoismus, Konfuzianismus und Buddhismus für die ehemalige Stagnation der chinesischen Kultur verantwortlich zu machen sind. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hatten chinesische Intellektuelle die Ursachen dieser Stagnation selbst erkannt und eine Abkehr von der traditionellen chinesischen Kultur verlangt. In der chinesischen Kulturrevolution 1966 wurde dies neben Klassenkampf- und Machtaspekten von oben verordnet wieder aufgegriffen und eine Vernichtung von materiellen und geistigen traditionellen Kulturgütern eingeleitet, aber nicht dauerhaft weiterverfolgt (Kap. 3.1.4). Das mit der traditionellen Kultur verbundene chinesische Persönlichkeitsmodell ist modern und bleibt weiterhin relevant.
Die Antwort auf die erhobene Frage ergibt sich zweifach. War in Europa die Entstehung der wissenschaftlichen, technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte der Kultur ein Ergebnis der die Individualität betonenden Persönlichkeitseigenschaften der Menschen und in den Anfängen auch gegen die Obrigkeit in Form der christlichen Kirche und der Adelsherrschaft durchgesetzt, so ist die teilweise Adaption dieser europäischen Kulturaspekte in China das Ergebnis eines von der Führung verordneten Prozesses. Zum andern ist in China bislang auch nicht erkennbar, dass die Adaption von Teilen der europäischen Kultur und der Persönlichkeitseigenschaften über ein Kopieren hinausgeht. Zweifellos hat das Kopieren China zu einer Weltmacht nicht nur wirtschaftlich, technisch und militärisch, sondern auch im Wissenschafts- und Bildungsbereich gemacht. Die großen und zahlreichen chinesischen Universitäten sind in den Spitzenbereichen der weltweiten Forschung und Entwicklung vertreten, auch dank der Heerscharen von chinesischen Studenten, die sich an den Universitäten Europas und der USA das westliche Wissen aneignen – aber nach wie vor kommen die grundlegenden wissenschaftlichen Innovationen weitestgehend von den Europäern und ihren Abkömmlingen in den USA und anderswo. Die Chinesen sind dabei nahezu nicht vertreten (siehe Kap. 3.5.5, 3.7.7, 3.8.3, 3.9.3, 3.10.3, 3.11.5, 3.12,5), was insbesondere im Hinblick auf ihre immense Bevölkerungszahl höchst bemerkenswert ist. Die chinesischen Wirtschafts- und Machtambitionen sind äußerst ernst zu nehmen, aber die typisch europäischen Persönlichkeitseigenschaften „erfinderisch/ neugierig“ und „wettbewerbsorientiert/ widerstreitend“ sind nicht ersetzbar und wohl kaum kopierbar, da zu einem wesentlichen Teil genetisch bedingt.